Der einsame Pfarrerssonntag…

In Zeiten, in denen die Welt relativ in Ordnung ist, stellen einige Menschen oft die kritische Frage: Was macht eigentlich ein Pfarrer oder eine Pfarrerin unter der Woche? Die Tätigkeit eines Sonntages scheint also nachvollziehbar zu sein, die Vermutungen bzgl. der anderen Wochentage divergieren vermutlich stark...

In Zeiten der Corona-Krise wird nun auch die Frage nach dem Sonntag aktuell. Es finden nämlich keine Gottesdienste oder andere Gemeindeveranstaltungen mehr statt, selbst den Karfreitag und das Osterfest dürfen wir nur im engsten Familienkreis begehen. Für mich als Pfarrer ist diese Zeit deswegen besonders schmerzhaft, weil die Botschaft dieser Tage den Kern des christlichen Glaubens darstellt. Gerade in Zeiten, die durch Nöte und Existenzängste geprägt sind, brauchen wir verstärkt den Zuspruch des Evangeliums für unseren Alltag, in dem sich ganz andere Situationen ergeben, deren wir gewohnt sind.

Was soll ich also machen? Es gibt unzählige Internetangebote aus In- und Ausland, alle Konfessionen und viele Ortsgemeinschaften bemühen sich, die entstandene Situation mit geistlichen Angeboten zu begleiten – es lohnt sich, unter diesen Angeboten ein wenig zu stöbern.

Ich habe mich entschieden, die Kirche in der Gottesdienstzeit, also jeden Sonntag um 10 bis 11 Uhr aufzusperren. Es darf keinen Gottesdienst geben, aber die Kerzen dürfen brennen. Ich setzte mich an die Orgel und spiele Bach. 60 Minuten Orgelmusik – mit einer Predigt nicht vergleichbar. Ich will dabei aber nicht vergessen, dass Johann Sebastian Bach einmal als der fünfte Evangelist bezeichnet wurde.

Ich hoffe, dass… Was eigentlich? …dass niemand kommt. Ich habe diese Möglichkeit gar nicht abgekündigt, es wäre gar nicht erlaubt gewesen. Als Organist kenne ich natürlich die Situation, stundenlang in einer leeren Kirche zu üben… Irgendwann schaue ich hinunter in den Kirchenraum. Eine Person, die auch letzte Woche kam, sitzt wieder da, heute hat sie schon gewunken. Das Evangelium hat auch an diesem Sonntag seinen Weg zu den Menschen gefunden.

Wir dürfen immer noch keine öffentlichen Gottesdienste feiern. Dennoch werde ich nächsten Sonntag wieder in die Kirche gehen und Bach spielen. Bitte sagen Sie es aber nicht weiter!

Pfarrer Szilárd Wagner

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