Predigt für den Sonntag Quasimodogeniti von Pfarrerin Christine Hubka

Markuskirche 19.4.2020

Hast du nicht gehört, Jakob? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Jes 40,28-31

Was ist mir heute näher?
Der Thomas aus dem Evangelium des Tages mit seinen Fragen und Zweifeln?
Oder das, was der Prophet Jesaja uns im Namen Gottes zusagt:
Das Herausfinden aus der Müdigkeit.
Das Aufstehen nach dem Fallen.
Gar das Fliegen.

Was auch immer das Gefühl des Tages ist:
Morgen ist es möglicherweise anders.
Und gestern war es vielleicht auch anders.
Ich halte das für entscheidend:
Das was heute ist, was ich heute erlebe, gilt – undiskutierbar – für heute.
Es bedeutet aber nicht, dass es sich nicht verändert.
Verändern kann.
Verändern wird.
Zum Besseren.
Zuweilen auch zum Schlechteren.
So ist das Leben.

Im Auf und Ab meines Wohlbefindens ist aber offenbar etwas unverändert:
Da sind irgendwo Flügel.

Wie sonst könnte mein Schöpfer
dem Propheten das Wort vom Fliegen in den Mund legen.
Gott schaut den am Boden liegenden Menschen an und … sieht Flügel.
Ob ich körperlich erledigt bin oder ob mein Glaube schwächelt.
Gott sieht mich an und sieht Flügel.

Da hab ich geglaubt,
dass ich in einem Alter bin, wo man sich selbst schon sehr gut kennt.
Meine Stärken. Meine Schwächen.
Und dann das.
Da sind also irgendwo Flügel.
Die Aufgabe ist, sie zu entdecken.
Vielleicht auch, sie zu entstauben.
Weil sie ein Leben lang noch nicht so recht benutzt wurden.
Auf jeden Fall, sie zu entfalten.

Ich bin keine Spezialistin für Flügeltiere.
Aber ich stelle mir vor, dass auch das Entfalten der Flügel
ein Mindestmaß an Energie erfordert.
Und ich weiß, dass es Zeiten gibt,
wo kein Tropfen Energie mehr zur Verfügung steht.
Auch nicht dafür, die Flügel aufzufalten.
Und schon gar nicht, um damit zu fliegen.

Aber Achtung: Zu wen spricht der Prophet im Namen Gottes?
Zu „Jakob“.
Jakob ist aber nicht eine einzelne Person, ein Mann mit diesem Namen.
Jakob ist die ganze Gemeinde in Israel.
Wenn du dich also allein vor den Spiegel stellst, und schaust,
wo denn deine Flügel sind, wirst du nichts sehen.

Erst in der Gemeinde, in der Gemeinschaft aller,
bekommen wir Flügel.
Wir können nur gemeinsam fliegen.
Gemeinsam aufstehen.
Gemeinsam glauben.
So hat es Gott eingerichtet, damit jeder mit dabei sein kann.
Damit keiner zurückbleibt.
Damit niemand verloren geht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Christ ist erstanden von der Marter alle!

Nach Oben